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Fragwürdige Hilfsbereitschaft



Die Gefahren lauern überall und man ist vor nichts gefeit - selbst wenn man Hilfsbereitschaft bekundet. Die Gefahr muss Zelda machen, die per se schon traumatisiert ist durch den Selbstmord ihres ersten Ehemannes, Vater ihres ersten Sohnes, und ihren Hochzeitstag mit dem zweiten Ehemann, Bor, just am 9/11 in New York, deren Ereignis die mittlerweile 5köpfige Familie hautnah mit erlebt. Dann stellen sie eine somalische, moslemische Nanny, Amal, ein, die während des Gesangswettbewerbs ihren Schleier abnimmt - und das dramatische Schicksal nimmt seinen Lauf bis zum tragischen Ende. Zwischendurch gelingt es Jessica Durlacher immer noch einige heitere, ganz normale, auch schwierige Familienerlebnisse zu berichten, die alle, die heranwachsende Kinder haben, nur zu gut kennen


Jessica Durlacher, Die Stimme, Verlag Diogenes












Iran und Deutschland in einer weiblichen Seele

Zwei Seelen in einer Brust. Im Iran geboren und in Deutschland aufgewachsen, denkt sich Mona zwar als Deutsche, aber so richtig zugehörig auch wieder nicht. Auch im Gefühlsleben schwankt sie zwischen zwei Welten, bzw. zwischen zwei Männern - je einer der Nationalitäten. Und doch muss Mona erst in den Iran reisen, um zu erkennen, wo ihre wahren Wurzeln liegen, dies allerdings eher Familiär. Es ist spannend zu lesen, mit welchen kleinen, Permanent-Make up und großen - Rolle in einer Ehe - Problemen sich im Iran die Frauen herumschlagen. Doch dies wird mehr in das andere "Heimatland" im- bzw. exportiert, als so manch einer wahrhaben will. Eine interessante Erzählung über das Innenleben dreier Frauen einer Familie.

Nava Ebrahimi, Sechzehn Wörter, Verlag btb















Überleben einer Ehe


Hat Lucrezia es geschafft oder nicht, stellt sich am Schluss die Frage- wenn man die wahre Geschichte kennt eher nicht. Wie es früher so war, wurde die hochwohlgeborene Lucrezia de´ Medici an einer Herzog verheiratet. Dieser entpuppt sich als brutaler Despot. Mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten versucht sie sich gegen die brutalen Herrschformen zu wehren und Menschlichkeit an Hofe zu bringen. Dies macht sie sehr sympathisch. Doch auch ihre Eltern verweigern ihre Hilfe. War dies früher wirklich so?

Spannend zu lesen mit einem kleinen Beigeschmack...


Maggie O´Farrell: Portrait einer Ehe, Verlag Piper





















Schuld und verspätete Sühne


Gretels Leben ist schon lang, über 90 Jahre und es wird die ganze Zeit überschattet von den Taten ihres Vaters im zweiten Weltkrieg. Doch trägt sie die Schuld? Dies fragt man sich beim Lesen des ganzen Buches, auch wenn sie selbst sich immer wieder zu Reaktionen hinreißen lässt, die verständlich und unverständlich sind. Von Kapitel zu Kapitel springt Boyne immer wieder zu den verschiedenen Zeitepisoden, die jeweils an Spannung zu nehmen bis zum Countdown in der Gegenwart, wo sich ein lang gehütetes Geheimnis lüftet und Gretel, wie sie meint, endlich die Sühne ergreift und einem Kind zu helfen. Sehr mitreißend.

Als die Welt zerbrach, John Boyne, Verlag Piper




Berlin Babylon zum Neunten



Am Anfang weiß, man nicht so genau, um was es geht. Charlotte Ritter, heute Rath, sucht noch nach ihrem Lebens- und Arbeitssinn und vermisst ihren Ehemann, der im Verborgenen lebt. Derweil hat sie ein/zwei kleine Stelldichein und Freundschaften, die sich aber nicht als solche bewahrheiten. Auch Gereon Rath muss sich der Wahrheit stellen, dass er nicht so Inkognito lebt, wie er gerne hätte und flieht nach Amerika, wo sich eine Parallel-Gangsterwelt auftut, der man ebenfalls folgen muss. Doch die Strippen fügen sich zusammen: es bleibt aber ein loses Ende. Die Spannung nimmt an Fahrt auf, doch sollte nach der neunten Folge eigentlich Schluss sein, sonst wird es irgendwann zäh. Doch wahrscheinlich - bei den offenen Strippen - wird es eine Fortsetzung geben.

Transatlantik, Volker Kutscher, Verlag Piper








































































Vergangene Gefühle


Einer alten Liebe nachtrauern, bzw., diese wieder aufsuchen, in der Hoffnung, dass sich alte Gefühle wieder herstellen lassen, ist immer etwas Spezielles. Zumindest kommen so Erinnerungen auf, die berühren. Berührend ist die Erzählung der etwas gelangweilten und gefühlsmäßig vernachlässigten Botschaftergattin Carmen, die meint, sich in einem Buch wiederzufinden. Da sie nichts besseres zu tun hat begibt sie sich auf die Suche nach ihrer angeblich früheren großen Liebe Antonio in das malerische Italien. Zumindest die Reisebeschreibung ist malerisch und ob die Wiederbegegnung genauso malerisch ist, wie erhofft bleibt nachzulesen.

Monterosso mon amour, Ilja Leonard Pfeijffer,

Verlag Piper

































Dem Grauen ein bisschen Menschlichkeit geben


Nicht schon wieder ein Buch über ein Leben in einem Konzentrationslager denkt man sich. Doch die Erzählung von den drei Schwestern Cibi, Livia und Magda zieht den Leser in seinem Bann. Mit welcher Raffinesse, kombiniert mit einem Schuss Pragmatismus die Drei die brutalen Schikanen der Nazis und deren unmenschlichen Handlanger - die Frage ist, haben sich die Menschen wirklich gebessert? - überleben, ist lesenswert. Überraschend aber auch die unerwarteten kleinen Hilfsdienste der Überwacher in dem Lager, die jedoch wahrscheinlich alle nur um ihre eigene Haut kämpfen.


Dagegen sind unsere heutigen Probleme wahrlich unbedeutend.

Die Schwestern von Auschwitz, Heather Morris,

Verlag Piper


































Schnitt für Schnitt den Täter finden


Manche Dinge wollen, wir ja nicht immer so genau wissen, in der forensischen Rechtsmedizin jedoch sehr wohl. Und es ist auch immer interessant, was die Sezierassistentin so alle herausfindet. Selbst als ihre Großmutter gesteht, dass Cassies Mutter ermordet worden ist, und dies angeblich sogar von ihrem eigenen Mann, lässt Cassie - trotz einiger Rückschläge nicht locke, bis sie dem wahren Täter auf die Spur kommt. Und ihrer wahren Vergangenheit. Sehr spannend zu lesen, bis auf einige Stellen, wo man wieder sieht: der Dativ ist dem Genetiv sein Tod.

Wer mit den Toten spricht. A.K. Turner,

Verlag Droemer








































Kein Blatt vor dem Mund....


Warum kompliziert, wenn es einfach geht, denkt sich die Bauerstochter Mary. Sie sagt, was sie denkt und dies egal zu wem. Sie hat ein hartes Leben auf dem von harter Vaters Hand geführten Bauernhof. Doch auch hier handelt sie pragmatisch auch wenn die Konsequenzen darauf oft unangenehm sind. Als sie in das Pfarrers Haushalt hin gehandelt wird, wandelt sich ihr Schicksal zunächst, wie es scheint.. Sie führt mit der Pfarrers Frau ein angenehmeres Leben, auch wenn sie hier ihre Zunge ebenfalls nicht im Zaum hält. Dies hindert den Hausherren nicht, sich ihr nach dem Tode der Frau zu nähern. .. Dieses Buch nimmt sich einer außergewöhnlich einfachen - wie des 15jährigen Mädchens Mary - an, und ist interessant zu lesen. Einnehmend und mitfühlend.


Die Farbe von Milch

Nell Leyshon

Verlag Eisele





























Die Flucht in ein anderes Leben


Wenn jemand sein Leben tauschen will, ist meistens etwas nicht in Ordnung. Als Claire, die vor ihrem gewalttätigen - und auch noch einflussreichem - Mann fliehen will, trifft sie auf Eva, die bereitwillig ihr Flugticket tauscht und somit Claire Eintritt in ihr Leben gewährt, hätte sie eigentlich nicht überrascht sein dürfen, dass sie dort ebenfalls auf Gefahren trifft. Eine Frau, die jedoch von ihrem Mann gewalttätig misshandelt wird, ist jedoch in der Regel zu fast allem bereit. Und so rollt Claire peu à peu das Leben von Eva auf und muss sich dann mit den nicht weniger gewalttätigen, obskuren Personen auseinandersetzen. Wie beide nun dieses Schicksal überleben, steht auf einem spannenden, anderen Blatt.

Der Tausch, Julie Clark, Verlag Heyne



Entscheidung mit tragischen Folgen

Kann eine Entscheidung und das Verschweigen dessen ein ganzes Leben beeinflussen und es überschatten. Ja, es kann. Um zur Liebe ihres Lebens von der DDR in den Westen zu fliehen, lässt Birgit ihr neugeborenes Kind zurück. Doch obwohl sie ihre Tochter nicht kennengelernt hat, bleibt in ihr eine Leere zurück, die sie letztendlich in den Alkoholismus führt und zerstört. Auch die Tochter hat den Hang, sich selbst zu zerstören, kann sich aber gerade noch retten...auch wenn es zur rechten Ideologie führt. Nach dem Tod seiner Frau Birgit erfährt Kaspar erst von der Existenz der Nachkommen und begibt sich auf die Suche nach seiner Stieftochter. Doch erst die Beziehung zu seiner Stiefenkelin schließt den Kreis wieder und entwickelt dadurch fast familiäre Gefühle.


Die Enkelin, Bernhard Schlich, Verlag Diogenes




Persönlicher Frieden im Krieg


Die Welt kann untergehen in dem ukrainischen-russischen Krieg und trotzdem hält Sergejitsch an den kleinen Dingen fest, die sein bescheidenen Leben zusammen halten. Seinen Bienen im Garten, die ab und an Besuch von einem hochrangigen Gast haben, gehört seine ganze Hingabe. Auch seine Bekanntschaft zu seinem Feindfreund Paschka hat eine gewisse Zuverlässigkeit. Der Verlust durch Trennung von seiner Ehefrau und damit auch seiner Tochter, ist fast sein größter Schmerz in seinem Leben. Als die Waffenattacken immer schlimmer werden, entschließt er sich, seine Bienen aus dem Donbass heraus in Sicherheit zu bringen und macht sich auf den Weg. Ob es woanders besser wird. Egal, Hauptsache sein Feindfreund wartet... Auch im Krieg geht das Leben weiter.


Andrej Kurkow, Grau Bienen, Verlag Diogenes



Überzeugte Gewalt...bröckelt




Wie weit darf eine Ideologie gehen? Der Hass zwischen "Links" und "Rechts" ist groß, auch wenn die Ideen ehrlich gesagt nicht immer so ganz weit auseinandergehen. Im Mailand der 70er Jahre eskaliert die Auseinandersetzung zwischen den jungen Radikalen der Lotta Continua, die sich für die Arbeiter einsetzen - selber aber auf Rosen gebettet sind - und den Faschisti, die, ja die eben nicht links sind und somit schon ein rotes Tuch in den Augen der jungen Linken. Eigentlich fühlen sich die jungen Schwestern Giulia und Gabriella im Recht, wenn sie auf Demonstrationen gehen, um für eine "bessere" Zukunft zu kämpfen, vor allem ohne die "Bonzen". Erste Zweifel kommen, als erste Unschuldige zu Tode kommen - vor allem, wenn es der beste Freund ist. Doch für Gabriella geht der Kampf zunächst weiter, bis die Rosen dornig werden. Der Roman ist mitreißend und fesseln, vor allem, wenn man wie ich, noch Reste dieses Mailands kennen gelernt hat. Doch wo ist die Ideologie geblieben? Gewalt löst keine Probleme, man muss für seine Überzeugung etwas tun und zwar im Frieden, doch das haben bis heute die meisten nicht verstanden.

Mit geballter Faust, Nicoletta Giampietro, Verlag Piper


Machenschaften der Oligarchen und ihrer Strippenzieher



Es ist die leidvolle Geschichte eines Journalisten, der die - bekannten - Geschäfte eines Oligarchen aufdecken will.

Dass das Geld nicht nur in Russland gemacht und aufbewahrt wird, ist ja nun hinlänglich aufgedeckt. Trotzdem will es ein Oligarch nicht hinnehmen, dass alles nochmal an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Es ist wie im wahren Leben, einer ist nie alleine mächtig. Und mit welcher Brutalität die primitiven Helfershelfer auf die Familie des Journalisten Quint losgehen, erfordert schon eine harte Schale dies zu lesen oder einen gewissen Pragmatismus für die Realität dies zu lesen.

Die Jagd, Sasha Filipenko, Verlag Diogenes


Strippenzieher hinter Briefen

Es ist ein leicht perfides Spiel: 5 Freunde retten einem Mann das Leben, welcher sich als reicher Erbe herausstellt. Dieser will sich über die Jahre dankbar zeigen und zieht im Hintergrund seine Fäden, um diesen Lebensrettern bei Jobs etc. zu helfen...oder auch nicht. Dies mündet in einer vorrangig großzügigen Einladung, welcher auch eine junge Freundin, Anja, beiwohnt, die Max, so der gerettete Erbe, in Briefen über dieses Stelldichein informiert. In den Antwortbriefen nun erzählt dieser von seinem Leben und seinen Handlungen, wem er nun wirklich geholfen hat oder auch nicht. Interessant zu lesen, auch wenn eine aus Briefwechseln bestehende Lektüre nicht jedermanns Sache ist, auch nicht, wenn man sein Leben lang beobachtet wird.

Thommie Bayer, Sieben Tage Sommer, Verlag Piper


In die Tiefen der Menschheit


Ein interessant geschriebenes Werk: manchmal geht ein Satz über eine Seite, so dass manchmal der Faden verloren geht. Dabei ist der Inhalt dieses Buches eigentlich interessant. Fabian Hoffmann, der einstige Dissident, steht als Chronist in Diensten der »Tausendundeinenachtabteilung« von Treva. Hier, in den Labyrinthen eines unterirdischen Reichs, arbeitet die »Sicherheit« an Aktivitäten, zu denen einst auch die Wiedervereinigung zweier geteilter Staaten gehörte. In diese Welt ist Fabian einem ihrer Kapitäne, Deckname »Nemo«, gefolgt, um herauszufinden, wer seine Schwester und seine Eltern verraten hat. Fabian gerät auf eine mystische, mit vielen Verwirrungen gezeichnete, Reise, die ihn tief in die trevische Gesellschaft und ihre Utopien hineinführt. Dabei werden Ordnungsvorstellungen und Prinzipien der Machtausübung, die Verflechtungen von Politik, Staatsapparat und Medien sehr in Frage gestellt, wie es viele heute sehen. Auf seiner, nicht immer nachzuvollziehenden, Suche nach Ordnung und Sinn kämpft Fabian gegen die Windmühlen der Macht, die Fälschungen der Wirklichkeit, den Verlust aller Sicherheiten - und gibt doch den Traum von einer befreiten Zukunft nicht verloren.


Der Schlaf in den Uhren, Uwe Tellkamp, Verlag Suhrkamp


Wirkliche Freunde?


Freunde, besonders die, die sich aus der Schul- oder Universitätszeit kennen, sollten immer zusammen halten. Doch sollten einem manchmal Zweifel aufkommen. Es geschehen mehrere Morde und die Freunde der Gruppe schweigen und halten zusammen, bis schließlich einer von Ihnen das Opfer ist. Dass dann immer noch nicht hinter die Fassade geschaut wird, lässt auch an dem Zusammenhalt zweifeln. Trotzdem ist es ein interessanter Thriller, der sich langsam aber sicher auflöst bis hin in die Vergangenheit.

Freunde für immer, Kimberley McCreight, Verlag Droemer























Leben auf einer Lüge



Es liest sich leicht und locker, man pendelt zwischen Europa, Russland und Amerika hin und her und lernt die unterschiedlichsten, sozialen Schichten kennen. Die aus dem Arbeitermilieu stammende Juliette steigt Anfang des 20. Jahrhunderts durch Zufall und Schicksal in den Adel auf und schlüpft in die Rolle der Gräfin Sofia. Selbst bei und nach der Hochzeit bekennt sie sich gegenüber ihrem Ehemann nicht zu der Wahrheit und das Schicksal nimmt seinen Lauf, Ausgang ungewiss. Die Fäden ziehen sich zwar bis in die italienische Gegenwart, hat aber eigentlich keinen Einfluss auf die Nachfahren. Diese kämpfen mit ihren eigenen Befindlichkeiten, die aber eher aus der direkten Vergangenheit resultieren. Doch über das italienische Landleben sowie der ehemaligen adeligen Dekadenz liest man im Sonnenschein ja immer gerne.

Santo Fiore, Andrea Riepp, Verlag Piper


Unter dem Markisendach



Es gibt eigentlich keine Entschuldigung dafür, wenn man seinen Freund verrät. Und doch kann selbst so ein Mensch sympathisch sein. Als die 17jährige Kim aus ihrem Luxus - Leben - wenn auch luxusverwahrlohst - zum ersten Mal bei ihrem biologischen Vater Urlaub machen muss, taucht sie in eine ganz andere Welt ein. Nicht nur, dass dieser ein erfolgloser Vertreter für Markisen ist, er lebt auch noch in einem heruntergekommenen Industriehalle und umgibt sich mit Saufkumpanen - obwohl er selber gar nicht trinkt. Es ist ein Büßer-Leben, was die - zunächst ungewollte - Tochter mühsam heraus findet. Und sie entdeckt weiter, dass auch solch ein - nach außen wirkendes - armseeliges Leben durchaus positive Aspekte haben kann. Und sie lernt es und ihren Vater lieben, obwohl das Geheimnis, dass er lange bewahrt hat, wirklich nichts ist, worauf man stolz sein könnte. Und auch ihr vermeintlich unsympathischer Stiefvater hat seine Gründe für sein Verhalten und versöhnt sich schließlich mit der Vergangenheit. So kann jedes Schicksal etwas gutes für sich haben und irgendwann ist immer der Zeitpunkt, wo man alles hinter sich lassen muss und verzeihen kann.


Der Markisenmann, Jan Weiler, Verlag Heyne.




Die Chemie muss stimmen

Dass die Chemie stimmen muss, wissen wir. Dies wird oft schon von den Eltern und auch in der Familie eingeprägt. Wenn Mann und Frau sich verlieben, fliegen die kleinen Elektronen offensichtlich nur so hin und her. Doch wie dies alles genau aussieht, wissen die Allerwenigsten. Als sich Elizabeth verliebt ist dies ganz klar eine Aufeinanderprallung der kleinen Partikel und dies wird genau erläutert. Dass dann nach vielen Schicksalsschlägen - die in den 60ger Jahren leider auch ein Mangel der Emanzipation sind - schwenkt Elizabeth auf die Köchinseite um. Und dies wird in einer Fernsehsendung ebenfalls genauestens auf chemischer Basis erläutert. Wie konsequent die intelligente Dame in ihrem Handeln und Meinungen ist, ist sehr interessant zu lesen und vermittelt ein Bild, wie sich auch heute Frauen sehen können.

Eine Frage der Chemie, Bonnie Garmus, Verlag Piper



Backen für die Lebensfreude


Im Leben läuft nicht immer alles so, wie man es sich vorstellt. Die Ballettkarriere endet durch einen Sturz und die Liebe des Bäckers in einer Katastrophe. Jeder verarbeitet solche Schicksalsschläge anders. Das anfänglich etwas seicht wirkende Buch entwickelt sich zum tiefgreifenden Werk mit Problemsituationen, die zu lösen sind und sei es durch heftiges Teigkneten - natürlich viel Empathie und Einfühlungsvermögen.

Der Geschichtenbäcker, Carsten Henn, Verlag Piper


Lange Nachkriegsspannungen.

Lange zogen sie sich hin, die Nachkriegwirrungen in Berlin. In vier Sektoren war die Hauptstadt aufgeteilt und es waren quasi Feindgebiete. Als 1954 der Verfassungspräsident Otto John - alles reale Figuren - verschwindet - schrecken die Politiker bis in die höchsten Etagen auf. In den Ostsektor zu gehen und dort Ermittlungen aufzunehmen ist höchst gefährlich, wie die abkommandierte Sicherheitsgruppe aus Bonn weiß. Und wie das in einem Spionagethriller so ist, haben viele Beteiligte zwei Gesichter und spielen mit gezinkten Karten. Für mich als Leser war es insofern interessant, dass sich, obwohl der Krieg offiziell 1945 beendet war, trotzdem noch so lange Feindbilder in einer Stadt halten konnten. Und dieser Zustand bis zu dem Bau der Mauer und darüber hinaus angehalten hat. Die Parallele zu dem heutigen Konflikt ist jedoch nicht zu übersehen. Sehr spannend zu lesen.

Ein Präsident verschwindet, Ralf Langroth, Verlag Rowohlt


Flirrende morbide Sommerhitze



Die Familie ist eine Gemeinsame Sache! Auch wenn einige Familienmitglieder in diesem Buch irgendwie versuchen auszuscheren - der eine Sohn versucht in der Ferne sein eigenes Leben zu führen, eine Tochter kann und will sich nicht an Konventionen halten, die Mutter will lieber alleine leben, als bei ihrem Ehemann - so ziehen alle doch irgendwie an einem Strang. Das Familenleben wird irgendwie manchmal zelebriert und wenn Not ist, auch zusammengerückt. Interessant sind die unterschiedlichen Charaktere, die sich aus so einer gemeinsamen Sache entwickeln und in denen sich jeder Leser irgendwie wiederfinden kann. Bei Anne Tyler sind es wie immer die kleinen Dinge, die das Leben und Lesen so lebenswert machen.

Anne Tyler, Eine gemeinsame Sache, Kein&Aber




Sengende Hitze strömt durch die ewige Stadt Rom und in den 70er Jahren ließ man sich davon richtig treiben. Nicht ganz so wie der junge Leo Gazzara, der anscheinend von der Hand im Mund lebt - überraschenderweise teilweise ganz gut. Morbide ist die Freundschaft zu dem labilen Graziano genauso zerstörerisch wie die Liaison zu Arianna. Das heiße Drama nimmt seinen Lauf bis zu dem tragischen Finale, welches ummantelt wird von dem Dolce Vita des Roms der 70er Jahre. Das Herausragende dieses Buches ist, neben der Ambiente, die literarische Sprache des Südens und des damit verbundenen Lebensgefühls.

Der letzte Sommer in der Stadt, Gianfranco Calligarich, Verlag Zsolnay


Wenn die Vergangenheit nicht ruht



Nach vorne zu schauen ist immer schwierig, wenn es in der Vergangenheit noch offene Wunden gibt. Ein Thema ist ein verschwiegenes Geschwisterkind, welches vor allen geheim gehalten wird. Besonders belastend ist dies, wenn dadurch die Liebe zum aktuellen Partner und weiterem Kind fehlt. Auf der anderen Seite ist der Tod eines Kindes, ein Schicksal, welches von Eltern kaum zu verkraften ist. So sind zwei Familien mit zwei Tragödien durch eine Person so ineinander verwickelt, dass es sie fast daran zerbrechen lässt. Langsam aber sicher löst sich jedoch der vergiftete Knoten, so dass die Beteiligten - zwar noch mit Narben - Luft holen und sogar unter veränderten Vorzeichen weiterleben können.

Unter Wasser Nacht, Kristina Hauff, Verlag hanserblau



Was nicht sein durfte

...und heute oft noch nicht sein darf, leider. Ein ergreifendes Buch zu einer Thematik, die oft nicht viel besser geworden ist, auch wenn Bezeichnungen verboten werden. Die Liebe eines deutschen Mädchens in der Nachkriegszeit zu einem farbigen US-Soldaten zeugt das, was sich früher Brown Babies nannte. Gretchen liebt Bob und die gemeinsame Tochter Marie. Doch da ihre Mutter das Kind nicht akzeptiert und sie Marie wegen ihrer lebensnotwendigen Arbeit nicht betreuen kann, gibt sie das Mädchen - wie sie denkt - kurzfristig in ein Kinderheim. Auch Bob wird zurück versetzt und kann nicht - auch aufgrund von Lügen - zunächst nach Deutschland zurückkehren. Und das Heim gibt Marie nicht wieder zurück und vermittelt sogar eine Adoption nach Amerika. Mit welch einer Verzweiflung Gretchen um ihre Tochter kämpft und sie - auch während ihrer zweiten Ehe und der Erziehung eines zweiten Kindes - fast daran zerbricht, ist sehr ergreifend zu lesen. Der Halbbruder - in der Form eines bekannten Moderators namens Tom - erfährt erst spät von der Existenz seiner Schwester und überhaupt des Schicksals seiner Mutter und versucht diese Puzzlestückchen mühsam wieder zusammen zu führen. Für mich ist es unverständlich, wie man die Liebe und die Nachkommen derer wegen ihrer Hautfarbe so verurteilen kann. Jedoch frage ich mich, ob sich dies heutzutage - auch wenn man gewisse Worte nicht mehr sagen darf, wirklich so geändert hat. Es sind nicht die Worte, die verletzten, sondern der Ton macht die Musik.

"Stay away from Gretchen", Susanne Abel, Deutscher Taschenbuchverlag


Wenn Liebe zu verqueren Mordgedanken führt


Bevor es endlich zur eigentlichen Krimithematik geht, kann man Diverses über die Flüchtlingsthematik in Italien erfahren, die wahrlich nicht zu unterschätzen ist, Doch der eigentliche Mord an der Schneiderin Elena führt erstmal durch ein verwirrendes Fadengespinst und endet dann in einer Vergangenheit, wo manche Ermittler wohl nicht richtig hingeschaut haben. Ansonsten nett zu lesen, wie das kulinarische Leben in Italien so spielt.

Das Ende des Fadens, Andrea Camilleri, Verlag Lübbe


Wie das Leben so unterschiedlich spielt


Helene hat es nicht leicht im Leben - allerdings ähnelt ihr Schicksal vielen anderen auch. Die Mutter ertränkt ihren Kummer über den weggelaufenen Ehemann in Alkohol, der entsprechende Mann mit unterschiedlichen Freundinnen. Diese sind so unterschiedlich wie die Facetten des Lebens der jungen Protagonistin selber. Diese ändert nicht nur ihren Namen in den unterschiedlichen Lebensberichten, auch Lebensentwürfe inklusive der mitspielenden Personen sind sehr divers, bis hin zu einem onominösem Unfall, bei dem sie ihr Gedächtnis verliert. Teilweise etwas verwirrend, aber wie eben das Leben so spielt, nicht immer nach vorgegebenen Regeln.

Milena Moser, Mehr als ein Leben, Verlag Kein&Aber



Was Frauen so passiert


Von allem etwas kann man in diesem Frauenroman lesen. Jede Frau hat ihr eigenes Schicksal, glücklich wieder vereint, alleine und hoffend, beruflich erfolgreich und trotzdem nicht richtig glücklich. Doch die drei Frauen halten - nach einer Streitpause - bedingungslos zusammen, auch wenn sich alles ein bisschen viel um die verstorbene Freundin dreht. Spannend sind zwischendurch die Fragen, ob die junge Pia ihre ungeplante Schwangerschaft durchzieht und wer der leibliche Vater einer Protagonistin ist. Ein optimales Buch für ein verregnetes Wochenende.

Drei Frauen am See, Dora Heldt, DTV



Eisige Absichten

Die vermeintlich harmlosen...sollte man immer hinterfragen. Mehr will ich gar nicht verraten. Unfreiwillig von der Außenwelt abgeschnitten, müssen die Mitarbeiter, ehemalige Mitarbeiter und sonstige Beteiligten in einem Luxuschalet miteinander ausharren. Doch es werden immer weniger. Ein Mord nach dem anderen passiert, so dass sich die Verbliebenen argwöhnisch beäugen, wer wohl der Täter sein könnte. Ein Motiv hätte fast jeder; man müsste nur genau hinter die Kulissen schauen, die sich teilweise glamourös, teils schüchtern oder weltmännisch geben.

Das Chalet, Ruth Ware, Deutscher Taschenbuch Verlag


Mörderische Gier nach Gold


Die Gier nach Gold ist bekanntlich groß. Das war früher so und es ist es auch heute noch. Und wenn dieses Gold

in Form von historischen Münzen ist, ist der Wunsch dieses in seinen Besitz zu bringen besonders groß, da wird auch ein Mord nicht ausgeschlossen. Erbe verpflichtet, und es übernimmt auch die Schuld; diese Erkenntnis hat die Kunsthistorikerin Anna Bentrop, als sie das Haus ihrer Tante erbt. Für das im Keller gefundene Doppelgrab interessiert sich nicht nur sie und natürlich die Kriminalpolizei, sondern auch sonstige unliebsame Besucher. Eine besondere Bewandnis haben die dort enthaltenen historischen Goldmünzen, die - und dies stellt sich bei Recherchen heraus - schon im Mittelalter im klerikalen Kreise für Mord und Totschlag gesorgt haben. Dies ist in der Gegenwart so und ruft auch Numismatiker auf den - nicht immer rechten - Plan. Ein interessanter Krimi, besonders, da er in Köln stattfindet.

Das doppelte Grab, Margarete von Schwarzkopf, Emons Verlag


Der schöne Schein

Jeder hat sein Päckchen zu tragen, auch im Filmgeschäft der 50er Jahre. Die kleinen Geheimnisse wie der die Sucht nach Alkohol oder diversen Pillen und sei es nur die nicht zugegebenen Sehnsüchte nach anderem Sex, was zu dieser Zeit noch nicht publik werden durfte. Doch wem es letztendlich zum Verhängnis wird und wer sich daraus rettet und zu einem zufriedenen Leben findet, ist eine verwickelte Geschichte - wie imer von Boyd interessant geschrieben.

Trio, William Boyd, Verlag Kampa


Mit Songs zur unfassbaren Lösung


Zu welchen Taten manche Menschen fähig sind, können wir uns wahrscheinlich nicht vorstellen - wollen wir auch gar nicht. Perfide Gedanken entwickeln manche Psychopathen, um ihre Opfer in ihre Gewalt zu bekommen. Dass es dabei noch Neben-Akteure gibt, macht die Lösung des Falls zu einer unendlich verwickelten Geschichte. Interessant ist die Song-Auswahl, durch welche das entführte Mädchen auf sich aufmerksam machen möchte. Ein Thriller, der es in sich hat und der uns wieder vor Augen führt, dass man sich selbst auf die nächsten Vertrauten nicht verlassen kann.

Playlist, Sebastian Fitzek, Verlag Droemer



Im Strudel von Gewalt und Drogen


Die Wahrheit ist nicht immer angenehm das wissen wir. Und dass die Drogenwelt mit harten Bandagen kämpft, ist ebenfalls bekannt.

Die Geschichte an sich ist spannend, aber.. . ob man wirklich in einem Roman, sei es auch in einem Kriminalthriller, auf jeder Seite von mindestens drei Morden lesen muss, sei dahingestellt.

Die Geschichte ist zwar spannend an sich, jedoch wird von einem Mißerfolg nach dem anderen berichtet, da wünscht man sich schon etwas Abwechslung und so ab und an auch etwas Positives. Nichts für ungut, aber auch ein Thriller kann manchmal einige Highlights aufweisen.

Auf der anderen Seite ist es leider die harte Realität, wie es in der "Drogenindustrie" zugeht und wie korruptierbar viele Menschen sind, bis hin höchste Positionen. Nicht für Ehre, sondern für Geld.

Das Kartell, Don Winslow, Verlag Droemer


Die Tragödie der Außenstehenden